Ich habe das kleine Mikrofon, der andere das große

Ich schaffe es nicht, jeden Morgen die aktuelle Ausgabe der Tageszeitung zu lesen. Heute morgen habe ich Die Welt von vorgestern gegriffen.

Ich hatte nichts gegen Paul Kirchhof, im Gegenteil.

Kirchhof: Ich hadere nicht. Ich habe den Wahlkampf anders erlebt als in den Medien dargestellt. Auf meinen Versammlungen – das waren immer 300 bis 3000 Menschen – ist der Funke übergesprungen. Dort habe ich klarmachen können, dass Steuersatz nicht Steuerbetrag ist. Der Chef mit einer Million Jahreseinkommen und die Sekretärin mit 20 000 zahlen eben nicht das Gleiche an Steuern.

Welt: Was Ihnen der damalige Kanzler Gerhard Schröder in den Mund gelegt hatte.

Kirchhof: Ich habe unterschätzt, dass eine solche Entstellung der Wirklichkeit nicht auf den zurückfällt, der sie äußert. Meinen Zuhörern konnte ich klarmachen, dass 25 Prozent von einer Million 250 000 Euro sind und von 20 000 im Falle der Sekretärin wegen der Freibeträge 1400 Euro Steuern blieben. Und das fanden die Menschen durchaus gerecht. Ich habe mich mit Nachtschichtarbeitern der BASF unterhalten und denen klargemacht, dass es ihnen trotz Wegfall des Nachtzuschlags besser ginge mit meinem Modell. Das ist die Konsequenz meines freiheitlichen und sozialen Konzeptes. In den Zeitungen stand anderes. Da wusste ich: Ich habe das kleine Mikrofon, der andere das große.

Und:

Welt: Warum also Änderungen?

Kirchhof: Weil wir im Steuerrecht nicht mehr wissen, was sich gehört. Wer in Deutschland dank unserer Vertragsfreiheit, unserer Währung, unserer gut ausgebildeten Arbeitskräfte, unserer Kaufkraft Einkommen verdient hat, sollte ein Viertel seines Einkommens an diese Rechtsgemeinschaft zurückgeben. Und er weiß, wenn jemand eine Million verdient, gibt er 250 000 und freut sich …

Welt: Schön wäre es …

Kirchhof: Schön wäre es, wenn er im nächsten Jahr zwei Millionen verdiente und 500 000 Euro einzahlt. Und jeder weiß, der Erfolg des anderen kommt auch ihm zugute.

Grundsätzlich dafür.

Update: Ich vergaß: das komplette Interview kann man hier nachlesen.

2 Responses so far »

  1. 1

    Popcorn said,

    Juni 11, 2008 @ 22:11

    Dafür und das Steuerrecht würde gleich mal ein Stückchen einfacher werden. Ich frage mich wirklich, welche Kräfte da walten, das es hier immer und immer komplizierter und doch nicht wirklich besser wird.

  2. 2

    sepp said,

    Juni 11, 2008 @ 23:09

    Das eigentliche Übel sind die vielen Ausnahmen jedweder Art. Ich verstehe auch nicht, weshalb der Bürger sich nicht damit zufrieden gibt, einen einheitlichen (oder eventuell in überschaubaren Stufen gestaffelten) Steuersatz (%) zahlt und dafür nicht auf die vielen Vergünstigungen verzichtet?! So bräuchte man seinen Satz nicht _künstlich_, mit Mühe und vielleicht _illegal_ zu drücken versuchen, sondern zahlte einfach schon eingangs weniger. Fertig. Oder halt mehr, wenn man entsprechend verdient, hehe. Ob es gar keine Deckelung geben sollte, vermag ich nicht zu sagen.

Comment RSS · TrackBack URI

Say your words